Der TuS 05 verfügt über eine vereinseigene Sporthalle, in der immer etwas los ist. Während in der einen Ecke Pedalos klappern und irgendwo ein Ball gegen die Wand prellt, herrscht im Jiu-Jitsu-Bereich eine etwas andere Atmosphäre. Konzentriert, respektvoll und manchmal auch leicht mystisch. Die Jiu-Jitsukas nennen ihren Trainingsraum deshalb ehrfürchtig ihr „Dōjō“, den heiligen Ort der Kampfkunst. Das Dōjō ist heute jedoch weit mehr als nur ein Trainingsraum für Kampfkünste. Ursprünglich bedeutet das japanische Wort Dōjō etwa „Ort des Weges“, ein Raum, in dem nicht nur Technik, sondern auch Charakter, Wahrnehmung und Haltung geübt werden.
Wie es sich für ordentliche Budo-SportlerInnen gehört, wird beim Betreten und Verlassen des Dōjōs natürlich gegrüßt. Einmal verbeugen (Ojigi), kurz innehalten und schon kann das Training beginnen. Doch warum das Ganze? Die Verbeugung ist ein Zeichen des Respekts gegenüber der Kampfkunst, den Lehrern, den Trainingspartnern und auch gegenüber sich selbst.
Traditionell befindet sich gegenüber dem Eingang die sogenannte Kamiza, der „Platz der Götter“. Die Dōjōleitung des TuS 05 schätzt zwar die asiatische Philosophie sehr, musste aber ehrlicherweise feststellen: Für einen echten Sitz fernöstlicher Gottheiten fehlt dann doch ein wenig der dafür erforderliche Glaube. Deshalb gibt es beim TuS 05 keine Kamiza im klassischen Sinne, wohl aber den „Geist des „Dōjō“. Dieser wacht würdevoll von seinem Platz rechts oben neben dem Eingang (ihr braucht nicht hinzuschauen, man sieht ihn nicht) über das Geschehen. Vermutlich mit strengem Blick auf die Matte (Tatami). Und so kommt es, dass beim TuS 05 Arloff-Kirspenich e.V. nicht nur beim Betreten und Verlassen des Dōjōs gegrüßt wird, sondern auch beim Betreten und Verlassen der Matte. Nicht aus Zwang, sondern aus Respekt. Denn genau darum geht es im Budo. Höflichkeit, Aufmerksamkeit und Gemeinschaft.
Auch die Sitzordnung folgt im Budosport normalerweise festen Regeln.
Die Lehrer (Sensei) sitzen rechts, vom Eingang aus gesehen, die
Schüler (Deshi) genau gegenüber. Beim TuS 05 läuft das allerdings
etwas anders. Hier sitzen die Lehrer links. Warum? Ganz einfach. Der
damalige Dōjōleiter wollte die Fensterfront im Blick behalten. Die
Zuschauer im Rücken seien weniger problematisch gewesen. Wenn man
eine Wand im Rücken hat, braucht man diesen Raum nicht zu
beobachten. Das Gehirn bewertet das als sicherer, weil potenzielle
„Gefahren“ nur aus weniger Richtungen kommen können. Das ist ein
sehr altes, evolutionäres Muster: Kontrolle über die Umgebung.

Seit 25 Jahren wird im Arloffer Dōjō wieder Jiu-Jitsu trainiert.









Prolog:
Der Gürtel, genauer gesagt, der schwarze Gürtel (Obi), wird nicht gewaschen. Niemals. Punkt.
Denn was ihn so besonders macht, sind nicht Waschmittel und Weichspüler, sondern Schweiß, Strapazen und jede Menge sportliche Dramen. Er hat mehr Zerreißproben hinter sich als so manche Beziehung, wurde unzählige Male zusammengebunden, geknotet, wieder gelöst und dabei mit reichlich Schweiß des Träger "parfümiert". Ob im Training mit dem Partner oder im heldenhaften Kampf mit dem Gegner: dieser Gürtel hat alles gesehen und gerochen.
Sein leicht... sagen wir mal "charakterstarkes" Aussehen ist die persönliche Note seines Besitzers, quasi die Visitenkarte aus Fasern.
Und letztlich ist der ramponierte Gürtel eine echte Trophäe, geformt aus Siegen und Niederlagen, aus Freud und Leid, aus blauen Flecken und triumphalen Momenten. Diese Essenz kann man weder wegwischen noch auswaschen und schon gar nicht an einen anderen Budoka verleihen.
Kurz gesagt: der Gürtel stinkt nicht. Er erzählt Geschichten. Lassen wir ihn zu Wort kommen.

TuS: Hallo Shodan. Schön, dass du dir Zeit für uns nimmst. Stell dich doch kurz vor.
Shodan: Hallo erst einmal. Mein Name ist Shodan, ich bin ein echter Öskirchener Jong und wurde am 30. Mai 1987 im Sporthaus Steffens auf der Wilhelmstraße adoptiert. Hersteller ist kein geringerer als Alfred Rhode aus Dreieich, Qualität Made in Germany.
TuS: Du klingst sehr stolz auf deine Herkunft.
Shodan: Absolut. 100% Baumwolle in meiner DNA. Kein Billig-Garn, sondern echte Qualitätsware. Manche nennen mich "Gürtel" oder "Dan", ich nenne mich lieber "Textil-Kämpfer".
TuS: Es heißt, du hast ein angespanntes Verhältnis zu Wasser. Stimmt das?
Shodan: Hust..., sagen wir mal so: ich und Wasser sind keine besten Freunde. Böse Zungen behaupten, ich scheue es, und ja: da ist leider etwas Wahres dran.
TuS: Du hast offenbar schon viel von der Welt gesehen.
Shodan: Oh ja. Den Kreis Euskirchen, das Ruhrgebiet, von Wilhelmshaven bis Sonthofen, von Saalfeld bis Belgien, London - ich war quasi auf Gürtel-Weltreise. Immer schon um den Bauch meines Meisters geschnallt.
TuS: 1991 kam dein Bruder Nidan dazu. Wie war das?
Shodan: Endlich Gesellschaft in der Trainingstasche. Nidan ist auch Kunstseide, sah schick aus und hatte sogar Tattoos: Sensei-Name und zwei Dan-Balken. Leider ist er schneller gealtert als ich. Tja, Kunst kommt eben von "künstlich".
TuS: Wie war euer Alltag?
Shodan: Training, Lehrgänge, Wettkämpfe, schwitzen, wieder eingepackt werden - pure Routine. Wir haben uns die Einsätze fair geteilt. Teamarbeit eben.
TuS: Dann kam 2020 die Pandemie.
Shodan: Schlimme Zeiten. Leere Dojos, keine Schüler und Schülerinnen. Die Tatami flüsterten mir zu: "Hoffentlich trampelt bald wieder jemand auf uns rum." So weit war es schon gekommen.
TuS: Doch 2021 gab es Zuwachs?
Shodan: Ja, Sandan kam am 24. Januar 2021. Frischer Stoff, voller Energie. Endlich wieder mehr Einsätze. Wir waren wieder im Geschäft.
TuS: Und wie geht es dir heute?
Shodan: Naja, ich und Nidan haben schon ein paar Alterserscheinungen. Etwas trainingsmüde, ein paar Fransen hier und da. Aber dann kam noch Yondan im November 2025 und wir fühlen uns wieder wie eine richtige Gürtel-Familie.
TuS: Dein Schlusswort?
Shodan: Ich danke, auch im Namen meiner Brüder, für dieses Interview. Und denkt immer daran: Ein Gürtel ist mehr als nur Stoff. Er ist Geschichte.
Das Gespräch führte Josef Flecken.
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